Potrait Silke Mansholt
Fragen von Kristina Peuschel und Sophie Stillfried

Foto: Nada Žgank
Die Performance "Die Gehaengte" ist Heilungsprozess und thematisiert die deutsche Geschichte. Ist diese Heilung eher fuer dich persoenlich gedacht oder richtest du dich vor allem an das Publikum?
Silke: Jede Form von Performace ist eine Art Heilung. Ich wollte das gern betonen, aber diesen Ausdruck zu finden, damit wollte ich etwas kreieren, was fuer alle Heilung bietet. In der theoretischen Auseinandersetzung mit meiner Kunst ist mir immer wichtig, dass der Kuenstler mehr ist als nur ein persoenlihcer Ausdruck. Es ist in einer Form ein "service", eine "Dienstleistung". Ob das gelungen ist, oder gelingt, weiss ich nicht. Aber ohne Zweifel findet die Heilung erst einmal fuer mich selber statt. Ich denke, dass ich aus diesem Grund in die Performance eingesteigen bin, weil fuer mich da eine ganz grosse Notwendigkeit da war, mich auszudruecken und Dinge auszudruecken, fuer die in der normalen persona SILKE kein Raum ist. Ich habe mich sehr frueh in meiner persoenlichen Entwicklung dem spirituellen Weg hingegeben und da war mir klar, ich moechte es so mitteilen, dass ich andere inspiriere und andere womoeglich heile. Aber das ist eine Intention von mir, die ich in der Perfomrnace habe. Das ich mich hingebe als Mittel zur Heilumg. Ich gehe auch ganz klar mit Gebeet und Meditation heran und rufe meine spirituellen Begleiter, seien es Engel oder Christus-Energie oder Budha-Energie, und sage, ich weiss nicht ob ihr da seid, aber ich weiss, dass da irgendwas ist, please kommt und nutzt mich, damit hier was passiert und das nicht nur fuer mich ist. Und dann versuche ich in der Performance Dinge anzusprechen, die in gewisser Weise kollektives Unterbewusstsein anmelden, dass ich tiefe Schweingungen kreiere, die Chor-Elemente oder Erinnerungen im Publikum wachrufen. Haupthema hier sind Gefuehle, dass ich mich oeffe, mein Herz oeffne und dass dadurch eine Oeffnung im Publikum stattfindet.
K.u.S.: Diese Engerie ist sehr deutlich zu spueren im Raum wahrend der Performance. Ich stelle mir vor, dass es fuer dich sehr schwierig und anspruchsvoll ist das thema der Perfomrnace, die Bearbeitung und Verarbeitung historischer Elemente, der deutschen Hisotire und Kultur durch dich an das Publikum weiterzutragen. Wie gehst du um mit der Last der Geschichte, die in der Performance thematisiert wird.
Silke: Ja, das hab ich mich auch schon oft gefragt. Und Bekannte fragen mich, was ich mit der deutschen Geschichte am Hut habe, warum das sein muss. Und aus irgendwelchen Gruenden fuehel ich mich da verantwortlich und weiss, dass ich da etwas los lassen mus, weil ich nicht verantwortlich bin, aber in gewisser Weise schon, weil mich das sehr tief belastet hat. Insbesondere weil ich nach England gekommen bin. Da ist mir aufgefallen, oh, ich bin ja Deutsch. In Deutschland ist man Vanille in Vanillepudding. In England bin ich so konfrontiert worden damit, wie ich Deutsch bin und natuerlichauch wie dort die Geschichte des 2. Weltkireges verarbeite wird, dass da sehr sehr viele Vorurteile noch sind, positive aber auch sehr viele negative. Ich hatte ein bisschen das Gefuehl, dass ich Deutschland rehabilitieren moechte. Ich lieb das ja, insbsondere meine Heimat, Ostfriesland :). Ich lieb' das un dich denke, die haben auch ein Recht zu trauern und muessen nicht immer in der Taeterrolle stecken bleiben und dann hatte ich das grosse Beduerfnis ganz tief zu verstehen, was da passiert ist - Hitler, meine Grosseltern. Und ich moechte die Polaritaet heraus nehmen, eine zentrale Balance finden, in der jeder aus seiner Freiheit heraus wieder sein kann kann, was er ist und nicht diese Erinnerugen mit sich herumtraegt. Und das hat ganz und gar nichts mit vergessen zu tun oder loslassen im Sinne, dass das nicht wichtig waere. Es ist ein intensives verstehen und integrieren. Ich sehe den 2. Weltkrieg und die Machenschaften um Hitler als eine dunkle Schattenseite unserer kollektiven Psyche, oder als spirituelles Karma der Nation, Europas, der Welt. Da passieren Dinge, die ausserhalb unseres Wahrnehmungsfeldes liegen, von denen wir gar nicht wissen, wie diese Energien uns bewegen. Von daher bedeute loslassen, dass wir bereit sind, das zu verstehen und in unserer Psyche zu integrieren. Es hat nichts mit vergessen zu tun.
K.u.S.: Ich denke, dass das ankommt in der Performance, ein Verarbeiten zu ermoeglichen ohne die shcattenseiten zu ignorieren und sie wegdruecken zu wollen. Es ist fuer mich ein ,mutiger Schritt, sich so explizit diesem Thema in einer Performance zuzuwenden. Denkst du, dass etwas spezifisch weibliches gibt in deiner Perfomance, in dieser Art des Umgangs mit kollektiver Erinnerung?
Silke: Erst mal ja, weil ich doch schon ein Frau bin, wobei dieser Prozess, Frau zu werden, noch laeuft und ich in einem KLein-Maedchen-Prozess ein bisschen stecken geblieben bin. Aber das ist eien andere Geschichte. Ich denke schon, aber ich bin mir nicht so sicher. Es ist so vielschichtig. Spontan wuerde ich sagen, ich finde, dass weiblihce Energie als solche, Weiblichkeitn und dass, was damnit in Verbindung steht, eine Aufnahmefaehigkeit, eine Gelassenheit, eine produktive, kreative Passivitaet - dafuer ist nicht sehr viel Raum gewesen in den letzten Jahren, Jahrzehnten oder vielleicht sogar Jahrhunderten. Es ist gewiserweise eine yang-maennliche Energie, so dass ich denke, dass die Energie des Intellekts, wenn sie zu extrem ist, in irgendeiner Weise diese Heilung verhindert, weil wir es nicht zulassen, Elemente des Unterbewusstseins frei fliessen zu lassen, weil wir immer in Kontrolle sein wollen. Un wenn ich sage maennlich, dann meine ich nicht Maenner. Ich denke, dass diese Performance ein Prozess ist, der die weibliche Energie des Geschehenlassens, des sich Oeffnens auch fuer den Schatten und das Unterbewusste sehr wichtig ist.
K.u.S. Da schliesst sich gleich die Frage an, wie wuerde die Performance aussehen, wenn sie mit einem maennlichen Koerper stattfinden wurde?
Silke: Da habe ich erst gestern begonnen darueber nachzudenken, weil mich das auch jemand gefragt hat. Und ich kann ganz generell sagen, dass weiss ich nicht. ... Ich bin wer ich bin und weibliche Energie und maennlihce Energie verteilen sich auf Maenner und Frauen in verschiedenster Weise, aber
K.u.S. Vielleicht auch vom visuellen her gedacht. Der weiblihce Koerper in der Performace, der auch nackt da steht - ich stelle es mir schwierig vor, dass das, was transportiert wird in der Performance mit einem maennlihcen Koerper transportiert werden koennte.
Silke: Ja, das macht schon Sinn. Gestern habe ich spontan gesagt, der Penis und Busen machen den Unterschidde, aber das hilft auch nicht. Ich bin ganz ueberrascht auch ueber mich selbst, zum Beispiel mit dem Bild des Engels am Ende der Performance, weil ichsehe mich als jemande, der vor zwei, drei Jahren sehr viel maennlicher war, der seine weibliche Energie nicht in den Vordergrund bringen konnte und ich haette nie gedacht, dass ich so etwas wie einen Engelsfluegel benutzen wuerde. Ich dachte immer, naja, Hippiquatsch und so. Aber jetzt bin ich selbst da angelangt, dass ich es benutzte. Als ich die Performance vorbereitet habe, kreiert habe, kamen mir sehr viele Engelspicture und ich musste dass dann honorieren, das mit rein bringen und dann kann ich auch die Kleider nicht anlassen, denn Engel sind nackt. Die schoensten Engelsbilder waren dann eine Vorlage und von daher denke ich, es stimmt, es waere ganz anders einen Mann vor den Fluegeln stehen zu haben mit all seiner Maennlichkeit. Und es ist denke ich wichtig, weil es hier auch darum geht diese kreative Passivitaet, das Hingeben und nicht kontrollieren wollen zuzulassen. Vielleicht ist es daher wichtig, dass ich in diesem Moment eine Frau bin. Aber das weiss ich eigentlich nicht.
K.u.S.: Wie waren die Reaktionen des Publikums auf deine Performances, zwei hier in Ljubljana und eine in Maribor?
Silke: Ja, leider nicht sehr viel. das war schon fast surreal. Ich hab die Performance gemacht, geht in die Umkleid eund als ich zehn Minuten spaeter rauskomme, sind alle weg. Beim zweiten Mal genauso. Da war ein ganz merkwuerdiges Gefuehl. Ist es jetzt passiert, war das wirklich? Ich habe nicht viel feedback gehabt. Mit einigen wenigen, die ich gesprochen habe, meinten, dass es faszinierend war, wie ich zwischen maennlichen und weiblichen Energien wandle. Wenn ich bestimmte Sachen mache, habe ich ganz bestimmte Ausstrahlungen. Andere wieder finden das ganz disturbing, dass ich nicht bei einer Sache bleibe, dass ich si ein verschiedene Gefuehle bringe. andere finden gerade das spannend. Mit Marina gestern in Maribor hatte ich ein interessantes Gespraech, sie hat eine Klasse mit vielen juedischen Frauen. ... Manchmal hab ich das Gefuehl, die Menschen habe erst mal nichts zu sagen oder sind stumm um das zu verarbeiten. Tage spaeter kommen sie dann und erzaehlen. Und ich darf das nicht persoenlich nehmen und muss Vertrauen haben, dass meinen Intention etwas hinzugeben funktioniert. Ich moechte acuh klar zeigen, dass gut und boese immer zusammen gehe. That dividing line of good and evil goes through every human heart. Die Reaktionen zum Thema sidn auch interessatn. Ein junger Mann musste rausgehen und weinen, wei ler das erte mal diese Traurigkeit verarbeiten konnte. In Daenemark habe ich die Performance aufgezeichnet und jemand fand es spannend, dass ich das Thema weiter nehme, als er das gesehen hat. Ich weiss, dass ich noch radikaler sein koennte, aber diese inneren Gedanken und Wahrheiten koennen noch nicht raus. Ich moechte im Moment etwas tun, dass vorangeht und etwas provoziert aber ich moecht meine Publikum nicht verlieren, ich moechte, dass es mitgeht und das fuer alle was passiert.
K.u.S.: Das Angebot einer kollektiven Heilung?
Silke: Ja aber ich bin noch nicht fertig. Ich habe manche Gedanken in einem Buch aufgeschrieben, und moechte das textuell rausgeben. und wen es dann interessiert, der liest es dann.
K.u.S. Wie gehts es bei dir weiter?
Silke: Ich werde noch einmal in Daenmark sein, dann in Mexiko Urlaub machen. aber ich wuerde gern auch mit der Performance in Deutschland sein und die Reaktionen dort mitbekommen. Es ist interessant zu fragen, warum ich in der dritten oder zweiten Generation mich mit diesem Thema beschaeftige. warum nicht die anderen, und ist es noch praesent, ode rist das nur meine persoenliche Geschichte? Aber ich glaube, dass Dinge, die nicht assimiliert oder integriet sind indas System des Seins, dass die haengen bleiben und duchr meine Arbeit uach mit Familientherapie und family constellation ist klar geworden, dass juengere Generationen Dinge in ihre Persoenlihckeit un dihren Koerper aufenhmen von aelteren Generationen. Dinge die nihct ausgespriochen wurden, die nicht durchklebt und durchfuiehlt worden sind. Meine eigene Familiengeschichte ist ein konkretes Beispiel dafuer. Ich glaube, dass ich da wichtige Arbeit geleistet habe, dass Gefuhele und Fragen hoch kommen und geloest werden koennen und wir uns oeffnen. Wir si deine Generation die dnek, so geht es nicht weiter, wir mussen ganz werden, heil werden. Wenn ich ueber mich spreche, oder den Prozess der Familie, dan meine ich, wenn man sich selber heilt, dann heilt man seine Umgebung. Das klingt wie Klischee, aber es ist eine wahre Erfahrung, die mich menschlich sehr veraendert hat und damit habe ich natuerlich Einfluss auf meine Umgebung.
K.u.S.: Vielen Dank und Alles Gute!
Kristina Peuschel
lives and works in Leipzig (Germany)
Community Radio / feminism / ladyfest / homoelektrik / intercultural experiences
Sophie Stillfired
lives and works in Leipzig (Germany)
studied painting at Leipzig School of Visual Arts, now Meisterschuelerin
ladyfest / homoelektrik
